Ernährung bei Behinderung
körperlich und geistig
Die Betreuung geistig und körperlich Behinderter, ob Kind oder Erwachsener, ist eine besondere Form von Betreuung, die an alle Beteiligten hohe Anforderungen stellt. Mit diesem Beitrag wollen wir einen Einblick in die Grundlagen der Ernährung von behinderten Menschen geben.
1 Ernährungshilfen bei körperlicher Behinderung
1.1 Definition der Behinderung
Ernährungsrichtlinien für behinderte Menschen sind sehr unterschiedlich. In der Ernährungswissenschaft werden zwei wesentliche Unterschiede besonders berücksichtigt.
Art der Behinderung Form Ernährung
| Motorische Störung (Muskeln funktionieren nicht in gewohnter Weise) |
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| Geistige Behinderung |
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| Mischform |
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1.2 Koordinationsstörungen und Ernährungsverhalten
Für behinderte Menschen (vor allem mit motorischen Störungen) ist die Nahrungsaufnahme oft mühsam. Durch Übungen ist es manchmal möglich, die Mundmotorik und den Schluckakt einigermaßen zu verbessern. Bei geistig behinderten Kindern dauert es oft lange bis sie richtig schlucken können, manche lernen es nie. Was häufig als selbstverständlich angesehen wird, nämlich der Kau-Schluck-Akt, lernen manche Menschen nie, da möglicherweise zahlreiche Reflexe gestört sind.
1.2.1 Das Füttern
Zuerst einmal muss klar sein, dass Füttern viel Zeit und Mühe in Anspruch nimmt. Pflegepersonal und Erzieher müssen dies aber in Kauf nehmen, da es andernfalls beim Patienten zu schweren Essstörungen kommen kann. Für das Füttern kann ein Teller mit erhöhtem Rand sehr hilfreich sein.
Wichtig ist auch, dass der Löffel nicht zu weit in den Mund gesteckt wird, da sonst ein Würgereflex ausgelöst werden kann.
Weitere Hilfen
- Viele kleine Mahlzeiten
- Keine lebhaften Spiele oder Aktivitäten vor dem Essen
- Ruhe während dem Essen
- Nicht zum Essen zwingen, gerade Kinder benötigen nicht täglich die gleiche Energiezufuhr und merken oft selbst, wenn sie genug haben.
- Der behinderte Mensch sollte alles was er selbst tun kann auch selber machen.
2 Ernährungsabhängige Erkrankungen in Verbindung mit körperlicher Behinderung
Ernährungsabhängige Erkrankungen (Stoffwechselerkrankungen) stellen bei behinderten Menschen keine besondere Problematik dar, wohl aber die Folgen von falschem Ernährungsverhalten, wie Obstipation (Verstopfung), Diarrhoe (Durchfall), Adipositas (Übergewicht) und Kachexie (Auszehrung).
2.1 Obstipation
Neben Ernährungsfehlern führt vor allem auch Bewegungsmangel zur Obstipation. Regelmäßige sportliche Aktivitäten haben einen günstigen Einfluss auf die Muskelbewegung des Darms. Gerade Menschen mit motorischen Störungen sind aber in ihren Bewegungen oft eingeschränkt. Neben einer ballaststoffreichen Kost sollten ständig spezielle körperliche Übungen trainiert werden. Behinderte Menschen müssen oft zur Bewegung ermuntert werden. Da Obstipationen auch psychische Ursachen haben können, spielt diese Erkrankung bei geistig behinderten Menschen eine zusätzliche Rolle.
Die Flüssigkeitszufuhr steht in einem direkten Zusammenhang mit der Verdauung. Es muss also immer darauf geachtet werden, dass ausreichend getrunken wird. Medikamente werden nur im Notfall empfohlen, da diese die Darmflora erheblich schädigen.
2.2 Diarrhoe
Neben den allgemein bekannten Ursachen, wird Durchfall häufig auch durch falsche Essgewohnheiten ausgelöst. Auch psychische Probleme und unkontrollierte Nahrungsaufnahme, wie dies bei Menschen mit geistigen Behinderungen vorkommen kann, können zur Diarrhoe führen.
2.3 Adipositas
Durch zu üppiges Essen und Trinken sowie Bewegungsmangel, wird Adipositas begünstigt. Für die Bestimmung des Normalgewichtes kann der Broca-Index oder der Body-Mass-Index eingesetzt werden. Dieser gilt bei allen Personen, außer bei Kindern in der Wachstumsphase und alten Menschen. Entsprechende Therapieansätze finden Sie im weiteren Verlauf.
2.4 Kachexie
Essen und Trinken hat auch etwas mit Genuss zu tun. Für Menschen die mit motorischen oder geistigen Behinderungen leben müssen, stellt das Essen oft ein Problem dar. Körperliche Einschränkungen führen dazu, dass von Genuss keine Rede mehr sein kann. Bei mangelhafter Energiezufuhr über einen längeren Zeitraum, kann es zur Kachexie kommen, sinnvoll ist dann eine hochkalorische Kost. In der Gemeinschaftsverpflegung wird oft der Fehler gemacht, dass diese in Form von großen Portionen angeboten wird. Damit wird häufig aber das Gegenteil erreicht, die Aversion gegen das Essen nimmt zu. Besser sind kleine angereicherte und energiedichte Mahlzeiten.
3 Spezielle Diäten und Ernährungsformen
Im Folgenden werden einige sinnvolle Ernährungsrichtlinien aufgezeigt. Es gibt keine speziellen Diäten bei körperlichen oder geistigen Behinderungen. Alle Ernährungsempfehlungen richten sich immer nach den körperlichen Einschränkungen des Einzelnen.
3.1 Kostformen bei Schluckstörungen und Kaubeschwerden
Bei der flüssig-breiigen Kost, muss vor allem auf den bedarfsgerechten Energie- und Nährstoffgehalt geachtet werden. Da das Schluck- und Kauvermögen der einzelnen Patienten sehr unterschiedlich ist, sollte die Verständigung zwischen Station und Küche unbedingt gewährleistet sein.
Die Ernährung mit flüssiger Kost wird heute fast ausschließlich durch flüssige Fertigprodukte (Sondenkost) ermöglicht.
Bei Schluckbeschwerden ist das Risiko sehr groß, dass Nahrung in die Luftröhre gelangt (Lebensgefahr), dies muss bei der Zubereitung berücksichtigt werden.
3.1.1 Passierte Kost
Die Zubereitung einer passierten Kost lässt sich küchentechnisch ohne weiteres durchführen, allerdings kann sich langfristig ein Defizit im Bereich der Ballaststoffzufuhr ergeben.
Indikationen
- Koordinationsstörungen beim Kau- und Schluckakt
- Verengung der Speiseröhre
Geeignete Speisen
- Breikost (Suppen)
- Püriertes Gemüse
- Sättigungsbeilagen, nur teilweise pürieren
- Säfte
- Milchprodukte
- Brot ohne Kruste
3.1.2 Flüssige Kost
Wie bereits erwähnt, wird diese heute kaum noch selber zubereitet. Es muss daran gedacht werden, dass die -flüssige Kost- wirklich flüssig sein muss und schon kleinste Teilchen (frisch gepresster Orangensaft) die Nahrungsaufnahme erheblich stören können.
Indikationen
- Verengung der Speiseröhre
- Motorische Störungen
- Mangelhafter Ernährungszustand (Sondenernährung bis zur Genesung)
Geeignete Speisen
- Suppen ohne Einlage
- Cremesuppen (immer passieren)
- Säfte ohne Fruchtfleisch
- Sondenkost
- Nahrungsergänzungs-Präparate
3.2 Kostform bei Obstipation
3.2.1 Ballaststoffreiche Kost
Unter einer ballaststoffreichen Diät versteht man eine Zufuhr von 40 - 50g Ballaststoffen am Tag. Sehr wichtig ist, dass immer für ausreichendes Trinken gesorgt wird, sonst kann es, besonders unter einer ballaststoffreichen Kost, zur Obstipation kommen. Grundsätzlich gilt: jede Kostform soll zur Prophylaxe möglichst ballaststoffreich sein (30g/Tag), die Umstellung auf ballaststoffreiche Kost soll immer langsam geschehen.
Besondere Indikationen Ballaststoffreiche Lebensmittel
- Übergewicht Vollkornprodukte
- Obstipation Obst
- Hämorrhoiden Gemüse
- Divertikulose Salat
Umsetzung in die Praxis
Küchentechnisch zu beachten
- kurze Garzeiten
- möglichst Rohkost
- ungeschältes Obst und gegebenenfalls auch Gemüse
3.3 Kostform bei Diarrhoe
Hier spielt die Ursache eine entscheidende Rolle. Es muss unbedingt geklärt werden, wodurch es zur Durchfallerkrankung gekommen ist. Ernährungstherapeutisch sollten folgende Punkte berücksichtigt werden.
- Ballaststoffreiche Kost
- Kostaufbau in drei Stufen
1. Stufe: Brühen, Schleimsuppen, Zwieback, Weißbrot, Marmelade, Honig, Kartoffeln, Reis, Nudeln
2. Stufe: Ergänzend zur Stufe 1, können fettarme Milchprodukte gegessen werden. Ebenfalls ist ganz mageres Fleisch erlaubt.
3. Stufe: Ergänzend zur Stufe 1 und 2, wird nun mit der Fettzugabe begonnen.
3.4 Kostform bei Adipositas
Auch für den behinderten Menschen ist übermäßiges Körpergewicht gesundheitsgefährdend. Allerdings ist die Durchführung einer geeigneten Diät oft besonders schwierig.
3.4.1 Reduktionskost
Zwar hat sich im Laufe der Jahre der Schlankheitsdruck gelockert, trotzdem gilt die Adipositas (Fettsucht) nach wie vor noch als großer Risikofaktor für weitere Krankheiten. Veränderte Lebensumstände fordern andere Essgewohnheiten.
Selbstverständlich weiß man inzwischen, dass auch Vererbung möglich ist, dies ist aber nicht zu überwerten. Auch der "Knochenbau" und die "Drüsen" spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. Zahlreiche Studien haben belegt, dass die Adipositas häufig mit Fehlernährung und Bewegungsmangel im Zusammenhang steht.
Die häufigsten Ernährungsfehler
- zuviel, zu fett, zu süß
- schnelles Essen
- Fehler in der Zubereitung
- falsches Essverhalten
- Unterscheidung von Hunger / Appetit fehlt
Die tägliche Kalorienzahl ist abhängig von
- Leistung
- Ausgangsgewicht
- Alter
- Geschlecht
Zahlreiche neue Wunderdiäten haben nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Deshalb rät man heute allen Patienten zur fettreduzierten Mischkost. Diese Kostform ist einfach, preiswert und gesund.
3.4.2 Kostform bei Kachexie
Sinnvolle Möglichkeiten der Energieanreicherung
- Sahne
- Traubenzucker
- Fresubin Nahrungsergänzung
- Energiedichte Lebensmittel einsetzen
- Protein 88
- Malto dextrin 19
Keine großen Portionsmengen!!!
Quellennachweis:
Ernährungsmedizin, H.-K. Biesalski, H. Kasper, R. Kluthe und Mitarbeiter, Georg Thieme Verlag Stuttgart 1995
Diätetische Indikationen, Fritz Heepe, Springer-Verlag, 2. Auflage 1994
Medizinische Betreuung beim geistig behinderten Kind, J.H.J. van Erkelens-Zwets und H. Kars , Deutscher Ärzte-Verlag Köln 1992
